Ende der 1970er Jahre wurde der Pharmakologe Ferid Murad erstmals auf die physiologischen Wirkungen des Stickstoffmonoxids (NO) aufmerksam. Bereits Anfang der 90er Jahre stand NO im Focus vieler interdisziplinärer Forschungsarbeiten. 1992 wurde es vom Wissenschaftsmagazin „Science“ zum Molekül des Jahres ernannt. 1998 bekamen die Amerikaner Furchgott, Murad und Ignarro den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Den Forschern gelang es erstmals, die große Bedeutung des NO im Organismus nachzuweisen. NO entspannt die glatten Blutgefäße und senkt somit den Blutdruck, verhindert Impotenz, wehrt intrazelluläre Erreger und Krebszellen ab und dient als Botenmolekül im Gehirn, um nur einige bekannte Wirkungen zu nennen. NO wird von Zellen der Blutgefäße (Endothel), von Immunzellen als Kampfgas, von Nervenzellen als Botenstoff und von den Mitochondrien als Stoffwechselregulator produziert (1).

Unter nitrosativem Stress werden die Folgen radikaler Stickstoffverbindungen im Körper zusammengefasst. Radikale Stickstoffverbindungen entstehen auf körpereigenen Synthesewegen im Rahmen der NO-Gas Produktion oder werden von außen über die Nahrung, Umwelt oder Medikamente zugeführt. Bestimmte biochemische Mechanismen veranlassen den Körper dazu vermehrt  NO-Gas zu synthetisieren (2).

Teufelskreis nitrosativer Stress

Pall

Mit freundlicher Genehmigung v. Martin L. Pall

Martin L. Pall, Professor für Biochemie an der Washington state university, hat ein Modell beschrieben, das unter dem Namen NO/ ONOO -Zyklus bekannt ist. Stickoxid (NO) reagiert mit Superoxid (O2) unter Bildung von Peroxynitrit (ONOO). Die Wechselwirkungen mit mehreren anderen Zyklen (NF-КB, proinflammatorischer Zytokine, erhöhte NMDA- und Vanilloid-Rezeptor-Aktivität, Ca2+-Einstrom) können einen Teufelskreis unterhalten, auch wenn die auslösende Ursache beseitigt wurde. Peroxynitrit kann aufgrund seines hohen Redoxpotentials sehr effektiv Lipide, Proteine und DNA oxidieren und ist wesentlich aggressiver als seine Vorläufermoleküle. Zunächst werden antioxidative Moleküle (Thiol-Pool) vermehrt verbraucht und schließlich wichtige Strukturen des Mitochondriums oder der Zelle angegriffen und beschädigt. Es entstehen mitochondriale Dysfunktionen (Mitochondriopathien) und vermehrtes Absterben von Zellen (Nekrosen) (2,3).

Dieses Modell liefert eine wissenschaftliche Grundlage für Erkrankungen, deren Entstehung bisher unbekannt war. Gerade die systemischen Erkrankungen Fibromyalgie (FMS), Chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS), Multiple Chemikalien Sensitivität (MCS) und posttraumatische Belastungsstörungen und andere Multisystemerkrankungen finden eine weitreichende biochemische Erklärung in diesem Modell (2,4).

Zuviel NO führt zu nitrosativem Stress und damit zu Radikalbildung, die von reduziertem Glutathion und anderen schwefelhaltigen Aminosäuren (Thiole) entschärft werden müssen. Fehlt Glutathion reduziert der Körper sein wichtiges Boten- und Kampfgas. Zu wenig NO-Gas führt zu vermehrter Invasion von intrazellulären Erregern (Pilze, Viren, Chlamydien, Borrelien, …), Krebs und Bluthochdruck, aber auch zu kompensatorischer TH-2 Immunzell-Aktivierung und Produktion von Antikörpern (TH1-TH2-switch). Eine TH-2 Überaktivität ist z.B. bei Allergien, einigen Autoimmunkrankheiten und AIDS nachzuweisen (1).

Neben nitrosativen Stress als Ursache für die Entstehung von Radikalen, sind Umweltgifte, bestimmte Pharmasubstanzen, oxidativer Stress, Ernährungsfehler und Darmstörungen weitere wichtige Quellen für die Entstehung von freien Radikalen, die unsere Zellsymbionten schädigen und die Zelle dazu zwingen können, ihre Mitochondrien „abzuschalten“. In den Mitochondrien gibt es einige hochsensible Strukturen, die den heutigen Industrie- und Umweltbelastungen nicht gewachsen sind. Seit der Industrialisierung reichern wir unseren Lebensraum mit vorher unbekannten Giftstoffen an. Besonders die wichtigen Molekülkomplexe der Atmungsketten können durch Schwermetalle geschädigt werden. Alle Umweltbelastungen führen zu zusätzlichem Glutathionverbrauch, das dann nicht mehr zur Entschärfung von Stickstoff- und anderen körpereigenen Radikalen zur Verfügung steht (1,4,5,6,7,8)

Die Zunahme an Allergien, Krebs und allgemein an chronischen Krankheiten in unserer Gesellschaft sollte ein Warnhinweis sein, unsere Umweltbedingungen und Ernährung mitochondrienfreundlicher zu gestalten. Schwermetalle, bestrahlte, denaturierte Nahrung von ausgelaugten Böden, die mit Pestiziden und Insektiziden behandelt wurden, konservierte Industrienahrung und zelltoxische Medikamente bilden die Hauptrisiken für unsere Zellen.

Eine kontrollierte NO-Gas Produktion ist für den Organismus sehr wichtig, da NO entscheidende Stoffwechselprozesse in vielen Organen und Körperzellen steuert. Probleme entstehen erst, wenn zu viel Gas produziert wird und der Körper das entstandene Gas nicht mehr entgiften kann. Dabei können Kollateralschäden entstehen. Wird hingegen zu wenig NO produziert, können wichtige Prozesse im Körper nicht mehr ablaufen und der Körper wird eventuell anfällig für intrazelluläre Erreger (Viren, Pilze). Auch Krebs und AIDS sind nach Dr. Heinrich Kremer Erkrankungen mit erniedrigter, körpereigener NO-Gas-Produktion (1).

Leider wird das nitrosative Stress-Modell in der Praxis bisher nur wenig beachtet, obwohl bereits Behandlungserfolge erzielt wurden. Auch hier gilt vielleicht, „bis wissenschaftliche Neuerungen in den medizinischen Alltag übernommen werden, müssen nicht nur die jetzt in der Verantwortung stehenden Professoren, sondern auch ihre Schüler verstorben sein!“  Carl Friedrich von Weizsäcker

Fruchtbare Erfolge zeigte die NO-Forschung, als sie die Ergebnisse der Mitochondrienforschung integrierte. Hervorheben möchte ich die Leistungen von Dr. Heinrich Kremer und seinem  Zellsymbiose-Therapie-Konzept (1). Bei einer lang andauernden NO-Gas Produktion entstehen so genannte aseptische Entzündungsprozesse. Das sind Entzündungen ohne Erreger. Der Körper produziert dabei NO-Gas, das den Entzündungsprozess entfacht. Dadurch kann es zu einer Schädigung unserer Zellsymbionten, den Mitochondrien und zu systemischen Folgeerscheinungen kommen. Um oxidativen und nitrosativen Stress zu entschärfen benötigt der Körper schwefelhaltige Aminosäuren (Thiole).

Freie Radikale stellen also eine Bedrohung für das Gleichgewicht unserer Zellsymbiosen dar. Solange wir die Radikalen mit Antioxidantien entschärfen können, entsteht kein chronischer Zellstress, der unsere Zellen zu der Schutzschaltung zwingt, die Mitochondrien abzuschalten (1). Auch gilt wieder, die Dosis macht das Gift.

Wodurch entsteht nitrosativer Stress (Nitrostress)?

 

  • psychischer Stress, Traumatisierungen (1,5)
  • physische Traumata, besonders im Bereich des Halses und Kopfes (5)
  • Instabilitäten der Halswirbelsäule (tanzender Dens axis), HWS-Trauma (5)
  • toxische Belastung mit diversen Umweltgiften und Chemikalien (1,2,5,6,7,8)
  • chronische Entzündungen (Zähne, Nasennebenhöhlen…) (1,5,6)
  • starke geistige und körperliche Belastung (5,6)
  • Psychostress (5,6)
  • nitrit-/nitratreiche Nahrung (1,2,5,6,7,8)
  • manche Medikamente (Antibiotika, Statine, Nitrate, Potenzmittel, L-Arginin, Metformin, Enalapril, ß-Blocker, Kontrazeptiva, Synthetische Hormone, etc.) greifen direkt in die mitochondriale Funktion ein (5,6,9)
  • kohlenhydratreiche Ernährung (6)
  • unverträgliche Nahrungsmittel (1,6,10)

Weiterlesen:
Folgen von nitrosativem Stress

Mehr Informationen zum Thema Nitrostress:

Doz. Dr. sc. med. Bodo Kuklinski-Praxisrelevanz des nitrosativen Stresses
Nitrosativer Stress–Ursache und Motor einer Vielzahl von Multisystemerkrankungen
Martin Pall, Professor für Biochemie an der Washington State University
Metastudie Pál Pacher, Joseph S. Beckman and Lucas Liaudet: Nitric Oxide and Peroxynitrite in Health and Disease


Quellen:
1. Kremer, H.: Die stille Revolution der Krebs- und AIDS-Medizin 5. Aufl. 2006
2. Pall, M. L.: Explaining “unexplained illnesses” 2007
3.
Pall, M. L.: Multiple Chemikaliensensitivität (MCS) http://www.martinpall.info/wp-content/uploads/2009/12/MCS.pdf
4.
Pall, M. L.: University-Text (Martin Palls Buch kompakt, Juni 2008)
5. Kuklinksi, B.: Das HWS-Trauma 4. Aufl. 2009
6. Kuklinski, B.: diverse Texte
7. Kersten, W.: Nitrosativer Stress – Ursache und Motor einer Vielzahl von Multisystemerkrankungen
8. Mutter, J. : Gesnd statt chronisch krank 2009
9. Univ.-Prof. DDr. Josef Finsterer in Neurologie, Psychiatrie: Mitochondriopathien: Therapie zerebraler Manifestationen von mitochondrialen Erkrankungen
10. Kersten, W.: Immer Müde ! Chronisches Müdigkeitssyndrom und Burnout (2009)

Hinweis:
Alle auf meinen Seiten veröffentlichten Texte wurden von mir verfasst und haben keinen Anspruch auf umfassende Darstellung. Sie enthalten lediglich meine persönliche Meinung zu den dargestellten Themen. Alle vorgestellten Methoden beruhen auf naturheilkundlicher Erfahrungsmedizin und haben keinerlei Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass sich die schulmedizinische Lehrmeinung von meinen Darstellungen unterscheiden kann!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter nitrosativem Stress werden die Folgen radikaler Stickstoffverbindungen im Körper zusammengefasst. Radikale Stickstoffverbindungen entstehen auf körpereigenen Synthesewegen im Rahmen der NO-Gas Produktion oder werden von außen über die Nahrung, Umwelt oder Medikamente zugeführt. Bestimmte biochemische Mechanismen veranlassen den Körper dazu vermehrt  NO-Gas zu synthetiesieren:

 

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